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15.12.99

 

Bildschirmschoner bedroht Spielzeugfirma

Die E-Commerce-Firma Etoys.com macht der in der Schweiz gegründeten Künstlergruppe Etoy.com den Namen streitig. Nun schlägt die Netzgemeinde zurück. 

Von Eric Baumann

Tausende von Personen tummeln sich im Spielzeugladen. Sie nehmen Puppen aus dem Regal; fragen die Angestellten, aus welchem Material die Rasseln gefertigt sind. Alle verlassen das Geschäft aber, ohne Einkäufe zu tätigen - und verdrängen kaufwillige Kunden. Auf diese Weise wollen Internetorganisationen den E-Commerce-Anbieter Etoys.com in die Knie zwingen. Sie protestieren gegen eine provisorische Verfügung, die es der Künstlergruppe Etoy.com verbietet, ihre Internetadresse weiter zu benutzen.

Die geschäftsschädigenden Besucher betreten den Laden freilich nur virtuell. In einem simplen Bildschirmschoner versteckt sich ein Programm, das den eigenen Rechner während Arbeitspausen auf die Site des kalifornischen Internetbetriebs führen soll. Heute Abend soll die entsprechende Software boykottfreudigen Surfern zur Verfügung stehen.

Attacke in der lukrativsten Zeit
Mehrere Kunden seien aus Versehen auf der falschen Seite gelandet und hätten sich dann beim Spielzeugverkäufer über den Inhalt der Künstler-Homepage beschwert, erklärt Etoys.com ihr rechtliches Vorgehen. Es sei eine bedeutende Angelegenheit, aber: "Wir konzentrieren unsere Energie derzeit einzig darauf, unsere Kunden zu bedienen", formuliert Etoys.com-Sprecher Ken Ross bedächtig Wort für Wort. Sein Unternehmen zählt zu den fünf meistbesuchten E-Commerce-Läden im Netz. Das Geschäft laufe selten so gut wie in den Tagen vor Weihnachten, sagt Ross. Im vergangenen Jahr habe Etoys.com zwischen Oktober und Dezember rund 70 Prozent des Gesamtumsatzes von 30 Millionen Dollar erwirtschaftet. Die Börsenkapitalisierung der Aktiengesellschaft beträgt über 5,5 Milliarden Dollar.

Davon kann der hauptsächlich in Zürich beheimatete Künstlerverein Etoy

.com dagegen nur träumen. Die Gruppe schaffte sich einen Namen mit witzigen Internet-Kunstaktionen und gewann 1996 den renommierten Ars-Preis für die beste Netz-Site. Zwei Jahre zuvor wurde das Kollektiv in der Schweiz gegründet.

Ein Sprecher des Vereins schliesst nicht aus, die Adresse dem Spielzeugvertreiber zu verkaufen. Das bisherige Angebot dafür lag bei etwas über 400 000 Dollar, teilweise in der Form von Aktien. Das ist der Künstlertruppe zu wenig: "Bei einer Million Dollar beginnen wir zu verhandeln." Auch Etoys.com schliesst eine gütliche Einigung nach wie vor nicht aus. Kommt es zu keinem Kompromiss, wird Anfang Januar im kalifornischen Santa Monica der Prozess eröffnet.

Beide Parteien sind sich sicher, im Recht zu sein. Die Künstlergruppe hat ihre Internetseite 1995 registrieren lassen und aufgeschaltet, also zwei Jahre früher als der Spielzeughersteller. Dieser hat es dagegen schneller geschafft, seinen Namen in den Vereinigten Staaten als Handelsmarke zu registrieren.

Netzaktivisten rufen zum Boykott auf
Die Internetgemeinde hat in der Auseinandersetzung bereits entschieden. Auf mehreren Sites rufen Sympathisanten von Etoy.com zum Boykott der beinahe gleichnamigen amerikanischen Spielzeugverkäufer auf. "Die Proteste nehmen eine Eigendynamik an", beobachtet der Etoy.com-Sprecher in Zürich. "Davon profitieren wir, aber es wird gleichzeitig auch bedrohlich im Hinblick auf den Rechtsstreit." Erklärtes Ziel der Boykotteure ist es nämlich, den bereits sinkenden Aktienkurs von Etoys.com auf Null zu bringen. 
 

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